Hase Hendrik und seine wundervolle Bekanntschaft

Die Sonne ließ den Morgentau im Gras glitzern und die ersten Blumen präsentierten stolz ihre Blütenblätter. Ein paar Vögel zwitscherten und die ersten bunten Schmetterlinge zogen ihre Kreise. Der Frühling war endlich da. „Was für ein schöner Tag“, dachte auch Hendrik, der Hase, und hoppelte vergnügt vom Waldrand hinüber zur großen Wiese. Die ersten Bienen summten um seine langen, flauschigen Ohren herum und die Grashalme kitzelten seine großen Pfoten. Dabei musste er kichern. Er war so erfreut, dass der lange Winter nun endlich vorbei war, dass er sogar ein paar Purzelbäume schlug und zufrieden die Wiese hinunterrollte.

„Wow, toll, das würde ich auch gerne können“, hörte er plötzlich eine Stimme. Hendrik spitze seine Ohren und versuchte herauszufinden, woher diese kam. Vom nahen Bauernhaus? Oder doch vom Wald hinter ihm? Hendrik war sich nicht sicher. Er blieb ein paar Sekunden lang ganz still sitzen und horchte erneut.

„Du hast bestimmt viele Freunde, wenn du so tolle Kunststücke kannst“, ertönte es erneut. Und jetzt war sich Hendrik sicher: Die Stimme kam vom Wald. Als er sich umdrehte, hörte er auch schon das braune Laub des Waldbodens knistern und plötzlich stand da ein Tier auf der Wiese, das er noch nie gesehen hatte. Es hatte ein zartes Gesicht, ein bisschen wie Rita, das Reh. Und es hatte kräftige Beine, wie Hektor der Hirsch. Und dann hatte es auch noch ein Geweih, ein bisschen wie das von Stefan, dem Steinbock, nur ein bisschen anders. Die Hörner waren nicht gerade, sondern eingedreht, wie zwei Schnecken. So etwas hatte Hendrik noch nie gesehen. Er stand mit offenem Mund da und war auch ein bisschen ängstlich. Das bemerkte auch das sonderbare Tier.

„Du brauchst keine Angst zu haben, ich tue dir nichts“, sagte es, „ich bin nur so einsam und habe dich dort drüben Purzelbäume schlagen gesehen. Da dachte ich, ich sage einfach einmal hallo.“ Jetzt fiel Hendrik auch auf, dass das Tier ein bisschen anders redete als er. Manche Wörter klangen anders, als Hendrik es gewohnt war. Das Tier kam sicher von einer fremden Gegend, vielleicht sogar von der anderen Seite des großen Flusses, dachte Hendrik. Das Tier lächelte den Hasen freundlich an. Da war Hendriks Angst sofort verschwunden.

„Ich bin Mattia“, sagte das Tier.

„Und ich bin Hendrik“, sagte der Hase, „du kommst aber nicht von hier, oder? Ich habe dich noch nie hier gesehen.“

„Nein, ich bin ein Muffelwild. Meine Großeltern stammen aus Sardinien. Das ist eine Insel im Meer, weit weg von hier. Ich bin mit meinen Eltern hierher gekommen.“

„Wow, interessant. Dann sprichst du eigentlich auch eine andere Sprache, oder?“, fragte der Hase neugierig.

„Ja, genau. Am Anfang war es auch schwer für mich, eure Sprache zu verstehen. Aber mittlerweile klappt das ganz gut“, erzählte Mattia.

„Du hast lustige Schnecken auf deinem Kopf. So etwas habe ich auch noch nie gesehen“, sagte Hendrik. „Ach die, ja, leider. Deswegen lachen mich manche hier auch aus oder sagen böse Worte zu mir. Weil ich anders bin.“

Jetzt senkte das Muffelwild seinen Kopf und war traurig. Der Hase wusste nicht, wie er Mattia trösten sollte und kitzelte ihn schnell mit seinen flauschigen Ohren. Das gefiel dem kleinen Muffel und schon bald musste er kichern.

„Ich finde deine Hörner cool, total einzigartig“, sagte Hendrik. Das freute Mattia.

„Willst du mein Freund sein?“, fragte Mattia dann.

„Sehr gerne“, sagte Hendrik, „aber nur unter einer Bedingung.“

Jetzt spitzte der kleine Muffel die Ohren.

„Du musst mir ein paar Wörter in deiner Sprache beibringen, dann haben wir eine Geheimsprache, die sonst keiner versteht.“ Mattia nickte und freute sich.

Ein paar Tage später regnete es. Die beiden hatten sich eine kleine Höhle aus Ästen und Blättern gebaut, unter der sie nun saßen und gemeinsam den Regentropfen lauschten. Hendrik hatte schon viele Wörter in Mattias Sprache gelernt und die beiden waren unzertrennlich geworden. Trotzdem hatte der Hase das Gefühl, dass der kleine Muffel Sorgen hatte.

„Jetzt haben wir schon so viel gemeinsam gemacht, aber du bist noch immer traurig, oder?“, fragte Hendrik.

„Ja, aber … ach, das ist egal. Ich will dich nicht auch noch traurig machen mit meinen Sorgen“, sagte Mattia. „Aber dafür sind Freunde doch da“, sagte Hendrik, „wenn man Sorgen nämlich teilt, dann sind sie automatisch kleiner.“ Er kitzelte Mattia wieder mit seinen langen Ohren, so wie an jenem Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten und zauberte dem kleinen Muffel sofort ein Lächeln ins Gesicht.

„Du hast recht. Ich sollte es dir erzählen“, sagte Mattia.

Und da erzählte der Muffel dem Hasen, dass er seine Mutter verloren hatte. Es war erst vor ein paar Tagen gewesen. Sie waren gemeinsam unterwegs gewesen, er war ein Stück vor ihr gelaufen und plötzlich hatte er sie hinter sich nicht mehr reden gehört.

„Ich weiß nicht, wo sie ist. Ich vermisse sie schrecklich.“

„Das ist ja schlimm, das kann ich verstehen“, sagte Hendrik, „wir müssen sie suchen.“

Einer seiner Freunde würde Mattias Mutter doch sicher irgendwo gesehen haben, dachte der Hase.

Am nächsten Tag machten sich die beiden gleich auf den Weg zu Edith, dem Eichhörnchen.

„Edith kennt hier jeden Baum weit und breit, vielleicht hat sie deine Mama gesehen“, sagte Hendrik zuversichtlich. Mattia nickte. Doch Edith war gerade viel zu Hause, in wenigen Tagen sollten nämlich ihre Kinder, zwei kleine Eichhörnchen, zur Welt kommen. „Aber ich gebe euch gerne ein bisschen etwas zu essen mit wenn ihr Hunger bekommt auf eurer Suche“, sagte Edith und überreichte den beiden ein paar Nüsse. Hendrik und Mattia bedankten sich und gingen weiter.

Die Sonne stand nun schon hoch am Himmel und es war sehr heiß. Da erreichten sie den Fluss und damit das Zuhause von Finn, dem Fisch. „Vielleicht war sie ja hier am Fluss“, sagte Hendrik zuversichtlich. Mattia nickte. Doch Finn hatte Mattias Mama leider auch nicht gesehen. „Aber wartet, ich erfrische euch ein bisschen, damit euch nicht mehr so heiß ist bei eurer Suche“, sagte Finn. Dann schlug er ein paar Mal kräftig mit seiner Flosse auf das Wasser und dieses spritzte bis hinüber zu den zwei Freunden. So schön kühl, das tat gut!

Die beiden spazierten weiter und kamen ein paar Stunden später zu Nora, der Nachtigall. „Nora ist eine bekannte Sängerin hier im Wald. Sie kennt viele Leute. Vielleicht hat sie deine Mama gesehen“, sagte Hendrik zuversichtlich. Und Mattia nickte. Und tatsächlich, bei einem ihrer Ausflüge hatte Nora ein Tier gesehen, dass Mattia ähnlich sah. „Ich glaube, es war dort drüben am Berg, wo Rita, das Reh, und Hektor, der Hirsch, wohnen“, sagte sie. „Aber es wird schon dunkel, ihr solltet euch jemanden mitnehmen, der euch den Weg weist.“ Hendrik und Mattia überlegten, aber ihnen fiel niemand ein. „Keine Sorge, ich kenne da eine ziemlich coole Gruppe. Die haben schon öfter dafür gesorgt, dass ich bei meinen Auftritten das schönste Licht hatte“, sagte Nora und flog davon, um ihre Freunde zu holen. Während Hendrik und Mattia warteten, teilten sie sich die Nüsse und stärkten sich damit.

Als die Sonne langsam hinter dem Berg verschwand und der Himmel noch einmal Rot leuchtete, hörte man Nora schon von Weitem zurückkommen. Sie trällerte eines ihrer Lieblingslieder. Und als der Wald immer dunkler wurde, glitzerte es plötzlich um die drei herum. Da waren hunderte kleine Lichter. Nora hatte doch tatsächlich eine ganze Schar von Glühwürmchen mitgebracht.

„Wow, wie toll“, sagten Hendrik und Mattia gleichzeitig.

„Sie werden euch begleiten“, sagte Nora.

Und so machten sich der Hase und der Muffel spät abends noch auf den Weg hinüber zum Berg. An ihrer Seite waren stets die vielen Glühwürmchen und so mussten sie sich in der Dunkelheit gar nicht fürchten. Kurze Zeit später hörten sie bereits Hektors Stimme und da entdeckten sie ihn und Rita, das Reh, auch schon schmatzend bei einer Wassertränke. Als die beiden die vielen kleinen Lichter bemerkten, erschraken sie.

„Was ist das, was wollt ihr von uns?“, riefen sie ängstlich. Doch dann bemerkten der Hirsch und das Reh mitten in diesem hellen Lichtermeer Hendrik, den Hasen, und einen zweiten Waldbewohner, den sie noch nicht kannten.

„Ach Hendrik, du bist es. Was führt dich zu uns herüber auf den Berg?“, fragte Hektor.

„Um ehrlich zu sein, mein Freund Mattia“, sagte Hendrik und deutete auf das Tier neben ihm. Es hatte eigenartige Hörner, die Hektor noch nie gesehen hatte. Die waren aber sicher praktischer als seine eigenen, schließlich konnte man sich damit nicht so leicht in Sträuchern verfangen. Rita, das Reh, blickte Mattia währenddessen tief in die Augen.

„Diese Augen, die kenne ich doch von irgendwoher“, dachte Rita.

„Du bist doch nicht etwa …“, stotterte da nun auch Hektor.

„Ich bin Mattia“, sagte der kleine Muffel, „ich bin auf der Suche nach meiner Mama.“

Jetzt mussten Hektor und Rita lächeln. Vor ein paar Tagen hatten sie in der Nähe des großen Felsens ein verletztes Tier gefunden. Das war also Mattias Mama.

„Ach wie schön, sie hat dich schon überall gesucht. Sie hat sich am Bein verletzt und konnte nicht mehr laufen. Wir haben sie gefunden und zu uns mitgenommen, damit sie sich erholen kann. Aber jetzt geht es ihr schon wieder gut“, erklärte Hektor.

Hendrik und Mattia konnten ihr Glück kaum fassen.

Ein paar Minuten später tauchte auch schon ein Muffelschaf hinter Hektor auf.

„Mama“, rief Mattia und rieb sogleich seine Hörner am warmen Fell seiner Mutter.

„Guten Abend“, sagte Hendrik in Mattias Sprache. Und alle waren erstaunt.

Da lachten Hendrik und Mattia. Und die Glühwürmchen leuchteten heller als zuvor.

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